Montag, 29. Oktober 2012

„Feuer an der Ruhr“ - Ein Filmbericht

Feuer an der Ruhr“ - Ein (subjektiver) Filmbericht

von Johannes Lührs

Völlig überstresst kam ich am 25.10.2012 am Kino Endstation an. Ich dachte, wenn ich einen Film sehen muss, dann diesen Film. „Feuer an der Ruhr“. Ich Feuerkünstler. Ich Feuerpädagoge. Ich seit 8 Jahren Ruhrgebiet. Herr Hofmann von der Kinemathek machte den Film in einer Vorrede schmackhaft: Er sei der Versuch der „ultimativen Selbstdarstellung des Ruhrgebiets“ zu dieser Zeit gewesen (1954). Eine Art Imagefilm für das Ruhrgebiet in Kinoformat. Mehrere Drehbuchautoren hätten in der Entstehungszeit das Handtuch ob der vielfältigen Ansprüche der Industrie geschmissen. 500 000 DM habe der Film damals gekostet. Ich war gespannt...

Pompöse Musik. Dazu der in roten Lettern gestaltete, in das Bild hineinbrechende Schriftzug: Feuer in der Ruhr. Kaboom. Die Kamera fährt auf dampfenden Eisenbahnen mit und zeigt gewaltige, nimmerendende Industrieflächen und hochhaushohe, stadionformatmessenende Stahlkolosse. Die Bildergewalt imponiert schon auf den ersten Metern dieses Films. Etwas bitter der Beigeschmack, weil man im vorhinein erfahren hat, das die Filmfirma Olympia Film, die den Film produziert hat, einst in den Händen von Leni Riefenstahl lag.

Die Stunde der Kohle hatte geschlagen“ 

 

so der O-ton des Sprechers und weiter „Sie veränderte das alte Gesicht der Erde mit einem Schlag“. Während dieser Worte fährt ein paar Meter vom Kino entfernt ein Zug vorbei, so dass es einen authentisch durchschüttelt. Im nächsten Moment sieht man einen hochkonzentrierten Kumpel dabei zu, wie er einige andere Kumpels mit Hilfe eines Schachtaufzuges 700 Meter tief in die Erde hineinpresst. Dort unten hämmern verkohlte Jungs mit Schlaghämmern ohne Schutzausrüstung und mit nacktem Oberkörper die Kohle aus dem Flöz.

„Aus der Kohle wurde unsere Welt“ 


so der O-Ton einige Minuten später und man kann den gleißenden Moment der Transformation von Steinkohle in Koks beobachten, wobei gigantische Massen glühenden Gesteins in einem riesigen Wagen fallen und danach in einer Wasserdusche, so groß wie ein Flugzeughangar, abgekühlt werden. Eine halbe Stunde später steht ein ein Abstich an. Männer stehen nur wenige Meter entfernt von dem (sich durch die Kinoleinwand brennenden) flüssigen Stahl. Riesige Quader werden daraus gegossen. Noch glühend werden sie durch gigantische Pressmaschinen in die gewünschten Form gebracht. Ein Kumpel steht lässig rauchend daneben, während die Funken nur so durch die Gegend stäuben. Hach, was ein Feuerfest!

Nach der Schicht beginnt die nächste Schicht, so ist das überall an den Ruhrstätten.“ 

 

….erklingt nüchtern der nächste Kommentar und ich erspare mir an dieser Stelle die weitere Wiedergabe des erlebnisreichen Films, der mit einer spannenden Kumpelrettung zum Ende hin fast zum Spielfilm wird.

Mit nach Hause nehme ich diejenigen Impressionen, die mir bisher immer gefehlt hatten: Endlich habe ich diese monströsen Stahlteile, die hier überall im Ruhrgebiet rumstehen, in Aktion erlebt. Die eindrucksvollen Bilder des tatsächlichen Gebrauchs machen mich emotional und als NeuRuhrBürger um einiges reicher. Der Hochofen ist nun nicht mehr nur ein mehr oder weniger schön anzusehendes Ding in der Landschaft, sondern transportiert nun für mich ein Stück Identitätsgeschichte des Ruhrgebiets. Ich kriege so langsam ein Gefühl dafür was das Ruhrgebiet eigentlich aus(ge)macht (hat) und wie es gelebt und vor alle WOFÜR es gelebt hat. Das ist ein gutes Gefühl. Von den negativen Folgen der Industrie ist oft genug die Rede. Eine Frage jedoch taucht auf. Eine Frage die seit Jahrzehnten die Städteplaner hier beschäftigt. Was kann das Feuer von damals ersetzen? Für mich selber liegt DIE Lösung nah, die auch in einer größeren Dimension im Kulturhaupstadtsjahr ausprobiert wurde und die ich einfach mal mit dem schönen Wort „Weiterfeuern“ betiteln möchte. Das Feuer muss weiter angefacht werden! Feuer ist heiß, Feuer erwärmt die Seele und ist zugleich Sinnbild für den notwendigen Wandel der Region. Ich für meinen Teil werde also Weiterzündeln und Menschenhintern erwärmen. Politik und Verwaltung sollte auch im übertragenden Sinne das „Weiterfeuern“ ermöglichen.

So wird meiner Ansicht nach ein Schuh daraus. Oder eben ein Feuer. Ein großes Knisterndes, wo viele Menschen gerne drum sitzen und sich auch sonst gerne aufhalten und unterhalten.

Mein Fazit: 


Dieser Film ist ein Muss für alle, die im Ruhrgebiet leben und heutzutage nur noch die Industriebrachen kennen. Ein Muss für alle, die das Feuer in all seiner Ambivalenz schätzen und lieben. Ein Muss für alle, die den Wandel in dieser Region verstehen und gestalten wollen!

The Fire must go on!

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ÜBER DEN AUTOR

Johannes Lührs, geb. 1984 in Hannover, hat es 2004 zu Studieren ins Ruhrgebiet gezogen. Seit 2005 beschäftigt er sich intensiv mit dem Feuer in künstlerischer Praxis (Künstlerischer Leiter der Evil Flames Fire Company) und Wissenschaft und ist zudem Mitbegründer des Feuerpädagogik e.V., der der die zunehmend Entfremdung des Menschen vom Feuer zum Thema macht und gegen sie ankämpft. Wie man am Text merkt, liebt er das Feuer und die Kraft, die in ihm steckt.